SARS-CoV-2 geht an die Nieren – welche therapeutischen Konsequenzen sind zu ziehen?

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Eine aktuelle Studie zeigt: Das neuartige Corona-vi­rus geht im wahrsten Sinne des Wortes an die Nie­ren. Viele Patienten weisen bereits zu Beginn einer COVID-19-Erkrankung Urinauffälligkeiten auf, bei schweren Verläufen entwickelt sich oft ein ein aku­tes Nierenversagen. Die Deutsche Gesell­schaft für Nephrologie (DGfN) plädiert für eine interdiszipli­näre Betreuung und nephrologische Nachsorge von COVID-19-Patienten mit Nieren­symptomen.

Im Mai publizierten Professor Dr. Tobias Huber und Kollegen die Ergebnisse der in Hamburg am UKE durchgeführten Obduktions­studie [1]. Insgesamt wurden Proben aus ver­schiedenen Organgeweben von 27 obduzierten, an COVID-19 erkrankten Patientinnen und Pati­enten im Hinblick auf die Viruslast analysiert. Wie sich zeigte, befällt das neuartige Virus zwar am stärksten die Lungen, aber auch andere Orga­ne, und zwar in einem besonderen Maße die Nie­ren, sind betroffen. Anhand der Proben von sie­ben Patienten wurde darüber hinaus untersucht, welche Nierenkompartimente besonders in Mit­leidenschaft gezogen werden, und es zeigte sich, daß die Nierenkanälchen (Tubuli) und besonders auch Zellen der Nierenkörperchen (Glomeruli) eine hohe Viruslast aufwiesen.

„Das deckt sich gut mit unseren klinischen Beob­achtungen. Die Glomeruli übernehmen die Filter­funktion der Nieren und die Tubuli die Rückre­sorption. Es zeigt sich schon früh im Verlauf einer Covid-19-Erkrankung, daß viele Patienten Auffäl­ligkeiten im Urin haben, insbesondere eine Albu­minurie,“ erklärt Studienleiter Professor Huber.
Die Nieren sind also neben der Lunge ein ent­scheidendes Zielorgan von SARS-CoV-2 und ein Nierenversagen stellt nach der Lunge das zweit­häufigste Organversagen dar. Derzeit wird unter­sucht, ob Nierenparameter ggf. sogar progno-stisch für den Verlauf der neuartigen Virus­erkran­kung sein könnten und sich dadurch Risikopati­enten stratifizieren ließen [2, 3].

„Fest steht schon jetzt, daß die Nieren massiv in Mitleidenschaft gezogen werden. Am Anfang ei­ner COVID-19-Erkrankung ist das an Markern im Urin ablesbar, im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung daran, daß über 30% der intensiv­pflichtigen Patienten ein schweres akutes Nieren­versagen erleiden und dialysiert werden müssen, wie eine Umfrage unter Krankenhausnephrolo­gen [4] gezeigt hatte“, erklärt Professor Dr. Julia Weinmann-Menke, Mainz, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Wie sie weiter ausführt, sei die Hamburger Studie deswegen so bedeutsam, weil sie klare Konse­quenzen für die Behandlung von COVID-19-Pati­enten aufzeige. Bei einer frühzeitigen Mitbeteili­gung der Nieren, die sich mit einem einfachen Urintest feststellen läßt, müsse alles daran ge­setzt werden, die Nieren der Betroffenen zu schützen. Beispielsweise sollte der Einsatz nie­renschädigender Medikamente – darunter ver­schiedene Antibiotika und Schmerzmedikamente – vermieden werden.

Bei einem sehr hohen Proteinverlust über die Nieren (>3,5 g/1,73 m2/24 h) liegt ein nephroti­sches Syndrom vor, ein schweres nephrologisches Krankheitsbild, das zu gefährlichen Wassereinla­gerungen und Thromboembolien führen kann. „Es ist zu befürchten, daß dieses Krankheitsbild bei vielen schwerstkranken COVID-19-Patienten aufgrund der Dramatik der pneumologischen Symptome weniger berücksichtigt und daher nicht behandelt wurde. Wir halten daher die in­terdiziplinäre Betreuung der Patienten für drin­gend erforderlich“, so die Expertin.

Ein weiteres Thema ist die Nachsorge, wie Profes­sor Dr. Jan C. Galle, Lüdenscheid, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), ausführt: „Wir müssen die Patienten, nachdem sie von COVID-19 genesen sind, weiter im Blick be­halten. Im Prinzip ist nicht einmal klar, ob sich die erhöhte Eiweißausscheidung bei Patienten mit leichten COVID-19-Verläufen, die zuvor nierenge­sund waren, vollständig zurückbildet oder dauer­haft bestehen bleibt.“ Patienten, die während der COVID-19-Erkrankung ein akutes Nierenversagen (AKI) erlitten haben, müßten ohnehin nephrolo­gisch nachbetreut werden. „AKI-Patienten haben ein signifikant erhöhtes Risiko, chronisch nieren­krank und dialysepflichtig zu werden, und wir wissen aus verschiedene Studien, daß eine ne­phrologische Nachbetreuung dieser Patienten zu einem besseren Outcome führt.“

Literatur
[1] Huber T.. et al. Multiorgan and Renal Tropism of SARS-CoV-2. N Engl J Med. 2020 May 13.
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2011400
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2011400
[2] Gross O et al. COVID-19-associated nephritis: early warning for disease severity and complicati­ons? The Lancet 2020. Published:May 06, 2020DOI: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31041-2/fulltext
[3] Nierenwerte als Seismograf für den Verlauf ei­ner COVID-19-Erkrankung. Pressemeldung der DGfN vom 14.05.2020; abrufbar unter https://www.dgfn.eu/pressemeldung/nierenwerte-als-seismograf-fuer-den-verlauf-einer-covid-19-erkrankung.html
[4] Ergebnisse der Querschnitts-Umfrage des VLKN vom 16.04.2020 zum Anteil der auf Inten­sivstationen behandelten COVID-19 Patienten mit dialysepflichtigem AKI. Abrufbar unter https://www.dgfn.eu/vlkn-umfrage-dialysepflichtiges-aki-bei-intensivpatienten.htm